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Das Riesen­gebirgsmuseum in Vrchlabí

Bürgerhäuser mit Laube aus dem 18.Jh., Sitz der Ausstellungen des Riesengebirgsmuseums und des Informationszentrums der Verwaltung KRNAP (Riesengebirgsnationalpark) in Vrchlabí, nám. Míru

Die Expositionen auf dem Kirchenplatz sind in historischen Parterrehäusern mit Laubengang untergebracht, die gleichzeitig ein Beispiel der früheren Wohnhäuser, der Werkstätten und Geschäfte von Vrchlabier/Hohenelbener Stadtbürgern aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind. Das wahrscheinlich älteste der Häuser, die Nr. 222, wird in das Jahr 1623 datiert. Drei der Häuser wurden Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts rekonstruiert. Das Vierte, mit einem Fachwerkgiebel, abgerissen im Jahre 1957, wird seit dem Jahre 2010 durch eine freie Nachahmung des ursprünglichen Baus ersetzt.

Kastenweihnachtskrippe, Holzschnitzerei mit goldenen und silbernen, farbig lasierten Polychromie Hostinné/Vrchlabí ?, 1864 – 1875

Die heutigen Expositionen befassen sich thematisch mit der Geschichte der Stadt Vrchlabí/Hohenelbe, der hiesigen Handwerks- und Heimarbeit, der Volkskunst und des Kunstgewerbes. Sie zeigen sowohl allgemein verbreitete Handwerke und Handarbeiten, als auch hiesige Spezifika. Das Kunstgewerbe vertreten Ausstellungsstücke des Riesengebirgsglases und des hiesigen Uhrmachergewerbes. Was die Riesengebirgsvolkskunst angeht, so ist der Hinterglasmalerei, Weihnachtskrippenproduktion, Holzschnitzerei und der Herstellung von Rübezahl-Figuren besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Die „üblichen“, früher überall betriebenen Handwerke dokumentieren dann die Tischler-, Schuster, Sattler- und Korbflechterwerkstätten, die mit entsprechenden Anlagen, Werkzeugen und Produkten ausgestattet sind.

Herstellung von Rübezahl-Figuren – Aufnahme der Exposition „Aus der Schöpfung des Riesengebirgsvolkes“

Durch die Ausstellungsform der offenen Depositäre, die auch der Öffentlichkeit zugänglich sind, betont die Exposition die Bedeutung von zwei für das Riesengebirge typischen Produktionsbereichen: der Möbelherstellung und des Textilgewerbes.

Traum des Jesuskindes, Hinterglasmalerei,
Region Vrchlabí, Ende des 18. Jhs.

Die Möbelproduktion gilt als Spezialzweig des Tischlerhandwerks. In den kleinstädtischen sowie dörflichen Werkstätten wurde am Ende des 18. und im 19. Jahrhundert ein eigenständiger Riesengebirgsstil volkstümlicher, vor allem bemalter Möbel entwickelt. Die Möbel tragen ein buntes und farbig trotzdem sehr harmonisch gestaltetes Dekor mit Blumen in Vasen sowie Figuren- und Tiermotiven in Feldern mit meist blaumarmoriertem Untergrund. Typisch ist auch die Form der Schränke, Truhen, Kästchen, Schüsselschränke, Wiegen etc, die ihr Vorbild in den Stilmöbeln der höheren Bevölkerungsschichten suchten und diese auf eigene Art umgestalteten.

Blick in die Schusterwerkstatt – Aufnahme der Exposition „Aus der Schöpfung des Riesengebirgsvolkes“

Das meist verbreitete und nicht nur für Vrchlabí, sondern für das ganze Riesengebirge wichtigste Gewerbe war die Textil-, insbesondere die Leinenproduktion. Die Gebirgsäcker brachten gute Flachsernten, wenn sie gut gekalkt wurden. Die Produktionstechnologie für gutes Leinen war ziemlich kompliziert und arbeitsaufwändig. Der Flachs wurde mitsamt den Wurzeln ausgerissen, getrocknet und dann wurden die Samen auf einer Riffel oder durch Abschlagen entfernt. Danach wurde er eingeweicht oder geröstet, in den Flachsdörrhäusern getrocknet und auf den Brechen gebrochen oder geschlagen, um die holzigen Stengelteile zu zerkleinern. Dann wurde er auf einer Breche gepocht, auf einer Riffel und der feineren Kratze – Kämme mit eisernen Nägeln – durchgehechelt, wobei die Schäben entfernt wurden und mit einem Messer abgekratzt. Der auf solche Weise vorbereitete Flachs wurde auf einer Kunkel befestigt, die man auf einen Spinnrocken aufsetzte und so wurde der Flachs gesponnen, d.h. einzelne Fäden wurden in Längsrichtung geordnet und zu einem Garn verlitzt. In alten Zeiten geschah das mit einer manuellen Spindel mit einem Spinnwirtel, seit dem l6. Jahrhundert auf einem Spinnrad. Die gesponnenen Garne wurden dann umgespult und gezwirnt, gebleicht oder gefärbt. So ein Garn bekam dann ein Weber, der es für den Webstuhl vorbereitete und daraus Leinen webte. Das Leinen wurde gebleicht, mit einer Spezialstärke appretiert und gemangelt.

Manueller Webstuhl des berühmten letzten Webers aus Benecko,
Matěj Pochop

Die Leinenproduktion des Mittelalters entwickelte sich als unregulierte Nebentätigkeit in vielen Haushalten. An der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert gab es aber schon Weberzünfte in allen hiesigen bedeutenden Städten sowie einigen Kleinstädten. Durch diese Zünfte steuerten die ausländischen Handelshäuser Gewandschneider und Viatis & Peller über ihre Niederlassungen in Schlesien das Leinengewerbe in der ganzen Region. Sie investierten in die Produktion eigenes Kapital für den Einkauf von Rohstoffen – dazu sagt man Faktorei-System. Die städtischen Weber konnten die sehr hohen Bestellungen der Handelshäuser bei weitem nicht erfüllen. Deshalb wurden also auch die Meister aus den Dörfern in die Zünfte einbezogen. Ihr qualitätsmäßig durchschnittliches und grobes Leinen lieferten die Handelshäuser zur weiteren Bearbeitung nach Schlesien und Holland, ab und zu exportierten sie auch sehr gutes Garn. Nachdem Maria Theresia Schlesien in den schlesischen Kriegen in der Hälfte des 18. Jahrhunderts verlor, kam es zu bedeutenden Änderungen. Der Export von Halbfertigfabrikaten und Rohstoffen in ein verfeindetes Land war unerwünscht. Um sich auf dem internationalen Markt behaupten zu können, wurden Spinn- und Weberschulen (in Hohenelbe 1768) eingerichtet, über der Qualität der Textilproduktion wachte eine staatliche Aufsicht und es wurden kommerzielle Bleichen, Mangeln, Aufbereitungsbetriebe sowie die erste Leinenmanufaktur gegründet. Dies sollte die hiesige Textilproduktion so vorwärts bringen, dass sie fertige Waren produzieren und sich damit auf dem internationalen Markt durchsetzen könnte. Der Raum für regionale Investoren war jetzt frei. Neben der Obrigkeit (insbesondere Harrachs) waren es jetzt auch die nicht adeligen Unternehmer – entstehend aus der Textilbourgeoisie. Die Leinenmanufakturen darf man sich nicht als die ersten Fabriken vorstellen. Die Produktion wurde hier zwar aus einem Büro finanziert und gesteuert, aber sie wurde als Heimarbeit durchgeführt und nur das Bleichen, Appretieren, Mangeln und Bedrucken erfolgte zentral. Mit der Auflösung des veralteten Zunftsystems im Jahre 1772 konnten die Unternehmer die Arbeit an jedermann vergeben. Dies brachte eine weitere Entwicklung des Hauswebens im ganzen Riesengebirge mit sich. Die Leinenproduktion ernährte im 18. Jahrhundert mehr als ein Viertel der Bevölkerung in der Region. Erst während des 2. Drittels des 19. Jahrhunderts kam es zu einer Industrialisierung des Flachsspinnens in der Trutnover und Vrchlabier Region. Das eigene Leinenweben wurde erst in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts industrialisiert. Neben den großen Industriebetreiben überlebten insbesondere im Westen des Gebirges noch viele Kleinbetriebe, die noch bis zum 2. Weltkrieg die Heimarbeit vergaben und dann die Produkte der Hausweber weiter verkauften. Diese Waren konnten zwar den günstigen Preisen der Fabrikprodukte nicht konkurrieren, waren aber durch ihre hohe Qualität berühmt.

Hl. Florian, polychromierte Holzschnitzerei,
Volkskunst, 19 Jh.
Bemahlte Truhe mit Blumen- und Architekturdekor, Paseky n.J., datiert 1846
Bemalter Schrank mit typischem marmoriertem
Untergrund und Blumendekor in Vasen
und Füllhörnern, datiert 1831
Blumenstrauß – charakteristisches Dekor, das sich auf den bemalten Riesengebirgsvolksmöbeln in umrahmten Feldern befindet